Kunst und Care // Interview mit dem Elternmagazin 04/25

Künstlerisch zu arbeiten ist für viele Mütter und Carepersonen noch immer ein Privileg. Das darf es nicht sein, sagt die Fotografin Natalie Stanczak

Natalie, warum wolltest du Künstlerinnen, die auch Mütter sind, porträtieren?

„Ich wollte vor allem Sehen und Zuhören, Geschichten erzählen, sichtbar machen. Mir ist wichtig, dass wir als Betrachtende erkennen: In jeder Geschichte steckt sowohl etwas Individuelles, als auch etwas Kollektives, Vereinendes. Schnittstellen, über die wir Solidarität herstellen können – eine Art „Wir“.“

 

Wie hat sich dein Blick verändert?

„Meine Toleranz verschiedenen Lebensentwürfen gegenüber hat sich erweitert. Ich muss nicht jeden Lebensentwurf nachvollziehen können, um diesen einfach stehen lassen zu können.“

Was sind die Herausforderungen, wenn es darum geht, Kunst und Carearbeit zu vereinbaren?

„Sich überhaupt zu erlauben, künstlerisch zu arbeiten. Als Careperson Zeit dafür zu haben, den eigenen Ideen Priorität und Raum einzuräumen ist sehr besonderes. In der Welt der Kunst haben Mütter oft keinen Platz. Allein schon deshalb, weil Kunst Raum und Zeit erfordert. Muse. Sich überhaupt zu erlauben, künstlerisch zu arbeiten. Kunst schafft erstmal kein Kapital und um ihr Kind kümmert sich diese Person in dieser Zeit auch nicht. Das ist ein egoistischer Akt.“

„Kunst ist Luxus, wenn man Mutter ist. Sich das überhaupt zu erlauben: Dinge zu tun, die auf den ersten Blick keinen kapitalistischen oder kümmernden Sinn haben. Und auf den zweiten auch nicht. Zeit ist Luxus.“ (—Mareice Kaiser)

„Wo sind denn die ganzen Mütter? Wo sind sie, wenn ich durch große Kunstbücher blättere? Wo sind sie, wenn ich historische Fotobücher anschaue? Gab es sie nie oder werden sie einfach nicht erwähnt? Sie waren da und sie sind es auch heute. Und sie müssen sichtbar werden, denn wir brauchen ihre Kunst, um einen neuen Blick auf die Welt zu bekommen. Und auch einen neuen Blick auf Mutterschaft und Care selbst.“

Inwiefern?

„Viele müssen sich mit der Kritik auseinander setzen, dass sie ja auch was anderes machen könnten, sie hätten sich das ja selber ausgesucht. Oder dass ihre Kunst belächelt wird. Dabei sollte das kein Privileg sein, sondern ein legitimer Lebensentwurf, mit dem Geld verdienen kann.“

Das heißt, die Kunst von Müttern hat keinen hohen Stellenwert?

“Die Frage ist, welchen Wert hat Kunst überhaupt in unserer Gesellschaft hat – und welchen Carearbeit? Beides sind essentielle Bausteine, aber total unterrepräsentiert und unterfinanziert bzw. finanzielle Mittel meist nur einer bestimmten Gruppe vorgesehen. Das ist für mich das Politische an den Themen Kunst und Care. Auch die Frage: Wer definiert denn, was Kunst ist?“

Gute Frage: Wer denn?

„Meist sind es Institutionen, Museen oder Galerien, die grundsätzlich auch Interesse an Ungleichheitsthemen zeigen. Doch sobald ich meine Werke anbiete, lautet die Antwort oft: ‚Ja, ganz nett, aber es sind halt „nur“ Mütter.‘ Für diejenigen, die die Macht besitzen, Sichtbarkeit zu schaffen, scheint das Thema nicht attraktiv genug zu sein, es fehlt wohl an der nötigen gesellschaftlichen Relevanz oder ‚Sexiness‘.“ Denn auch in der Kunst geht es immer auch um soziale Dynamiken und Machtstrukturen.“

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